Durch das Zillertal

Durch das Zillertal

Über 31 Kilometer erstreckt sich der beliebte Radweg durch das Zillertal. Dabei passieren die Radfahrer viele Attraktionen und landschaftliche Highlights. Nicht zu vergessen: Wer will, kann einen Teil des Weges mit der Bahn zurücklegen. Einmal mit dem Rad durch das Tal und mit der Bahn zurück also.
TEXT & Foto: Heiko Mandl
In einem Tag durch das Zillertal, so war unser Auftrag. Eine Reise, die man im Sommer planen sollte. Die letzten Schneereste sind dann verschwunden und die Radfahrer werden von blühenden Blumenwiesen, kalten Bächen zum Abkühlen und jeder Menge Einkehrmöglichkeiten empfangen. So stehen wir in Mayrhofen, es ist noch früh am Morgen, und satteln auf unsere Räder auf. 31 Kilometer bis nach Strass, dem Eingang in das Zillertal, liegen vor uns. Eigentlich sind es ja 62, weil wir auch noch den Rückweg bewältigen müssen. Doch wir haben ja noch einen Joker im Ärmel, in Form der Zillertalbahn, die uns jederzeit mitnehmen und nach Hause bringen kann. Unser Ehrgeiz ist aber besonders groß und so planen wir die komplette Strecke in einem Tag zu bewältigen. Best of Zillertal am Rad in einem Tag – so lautetet unser Motto.
Gemütlich fahren wir die breite Straße von Mayrhofen Richtung Norden entlang, immer wieder fordert uns der leichte Gegenwind und treibt uns den Schweiß in die Stirn. »Wann haben wir den letzten Radfahrer gesehen«, fragt mich Susanne. Hmmm, da muss ich selbst genauer überlegen. So früh am Morgen ist der Radweg noch nicht so stark frequentiert. Am Nachmittag tummeln sich dann viele Genuss-Radfahrer auf der Radverbindung durch das Zillertal herum. Wir starteten unsere Tour am Ortsplatz von Mayrhofen. Dort, wo sich im Winter die Skifahrer die Gondeltüre in die Hand geben, finden wir Sommeridylle vor. Die alten Häuser sind mit Blumen geschmückt und strahlen uns von ihrer besten Seite an. Von hier aus führt uns der Weg gleich einmal Richtung Norden.
Genauer gesagt fahren wir die ersten Minuten an der Ziller entlang Richtung Zell. Wir kommen immer wieder an kleinen Orten vorbei, wo die Zeit stehen geblieben ist und Begriffe wie Stress und Hektik nichts zu suchen haben. Die Wiesen stehen in voller Blüte und die Orte erwachen aus ihrem Morgenschlaf. Die Viehherden testen die Weiden auf ihre Qualität und auch die Radfahrer hier machen sich so langsam fit.
»Komm, lass uns eine Rast machen«, sagt Eva. Es wäre ja viel zu schade hier einfach durchzurasen, immer mit gesenktem Kopf und Blick auf den Tacho. Das Regionalmuseum kurz vor Zell am Ziller ist der ideale Rastplatz auf unserer Tour. Während die glühende Sonne langsam den Zenit erreicht hat, fühlen wir uns im Schatten der Obstbäume wohl und nehmen einen Schluck aus unseren Trinkflaschen. Das Hauptgebäude des Museums, ein altes Bauernhaus, wurde 1713 im Zillertal errichtet und gehörte über Generationen den örtlichen Bauern. Heute ist es Anziehungspunkt für Touristen und Geschichtsinteressierte. Der Garten und die anderen alten Gebäude ergänzen das Bauernhaus. Von hier aus tut sich Richtung Süden ein imposanter Blick auf die Bergwelt auf.
Wir rollen weiter Richtung Ortszentrum. Vorbei geht es an einem Kinderspielplatz und an der Ziller entlang in den Ortskern von Zell. Direkt vor einer Brücke entdecken wir eine Konditorei, die wir nicht links liegen lassen können. Eigentlich war unsere letzte Rast erst ein paar Minuten her, doch beim Anblick von den Kuchen und Eis, müssen wir fast stoppen und rasten. Bei Café und ein Stück Kuchen hätten wir fast die Zeit übersehen. Die Sonne steht jetzt dominant am blauen Himmel, kein Wölkchen trübt den Weitblick und wir befinden uns im Relaxmodus. So stellen wir uns Urlaub vor.
Aber jetzt wird es Zeit, sich auf die Räder zu schwingen. Wir haben noch das halbe Tal vor uns. Die lange Gerade nach der Ortsausfahrt raubt uns fast den Nerv. Endlos scheint der Weg gegen den Wind zu sein und wir treten weiter in unsere Pedale. Weiter geht es wieder die Ziller entlang Richtung Aschau. Plötzlich hören wir ein lautes Geräusch und schneller als wir gedacht haben überholt uns die Zillertalbahn von hinten. Sie fährt in regelmäßigen Abständen durch das Zillertal und kann auch uns jederzeit mitnehmen, sofern wir das wollen. So schnell sie gekommen ist, so schnell ist sie auch wieder fort. Ein kleiner roter Strich in der Ferne lässt uns erahnen, wohin wir fahren müssen. Immerhin verläuft der Radweg oft parallel zur Bahnstrecke.
Von Zell schlängelt sich der Weg Richtung Inntal. Wir überqueren die Eisenbahnbrücke und können erstmals die Ziller von oben begutachten. Bisher hatten wir nur die tosenden Wassergeräusche wahrnehmen können. Die Ziller führt gerade viel Wasser. Im Sommer rinnt das Schmelzwasser des Gletschers von der Ziller in den Inn, bis es im Schwarzen Meer seine letzte Ruhe findet. Ein weiter Weg, der unsere 31 Kilometer durch das Zillertal als winzig klein vorkommen lässt.
Wir rollen weiter talauswärts. Fast hinter jeder Kurve in der Region empfängt uns ein Bauernhof mit Kühen, Hühnern und Schafen. Die Landwirtschaft spielt hier eine gewichtige Rolle. Und so kommen auch meist regionale Produkte auf den Teller der Wirtshäuser. Das können wir auch bei unserer Mittagsrast in einem urigen Wirtshaus in Stumm testen. Bei heimischem Bier und einer guten Jause lassen wir die Zeit verstreichen und genießen die lokalen Köstlichkeiten.
Etwas weiter empfängt uns ein einmaliges Panorama Richtung Norden: Der Karwendel mit dem Rofan leuchtet weit entfernt in der Sonne. Mittlerweile zeigt das Thermometer weit über 20 Grad an. Wir nutzen die nächste Möglichkeit für eine kurze Rast am Ziller. Wir schieben die Räder die Böschung hinab und kühlen unsere Beine im kalten Schmelzwasser des Flusses. Hier am Ufer der Ziller lässt es sich gut aushalten, während am Radweg die Reifen – und auch wir – fast zum Glühen beginnen. Ein Sommertag im Zillertal eben. Weiter geht es über Uderns und an Fügen vorbei zu unserem Ziel. Das heißt ab sofort der Badesee in Schlitters. Schließlich lädt der Tag zu einer abschließenden Badesession im glasklaren See ein. Doch bis dahin müssen wir noch eine Weile in die Pedale treten. Das Tal wird immer breiter. Die Wiesen und Felder werden von den Bauern gemäht, damit sie genug Heu für ihre Tiere haben, besonders im Winter sind die getrockneten Kräuter und Gräser wichtig für das Wohl der Kühe.
Schließlich fahren wir zu unserem letzten Ziel, dem Badesee. Wir legen unsere Helme ab und lassen die Füße in das Wasser hängen. Es ist jetzt richtiges Badewetter mit über 30 Grad. Die letzte Frage, die wir beantworten müssen, wäre die der Rückfahrt nach Mayrhofen. Rad oder Bahn? Wir schauen uns fragend an, dann Richtung Badesee und schon haben wir die Antwort parat. Natürlich nehmen wir die Zillertalbahn zurück zum Ausgangspunkt. Dann bleibt uns noch Zeit zum Entspannen im schönen Zillertal.

Vier Tage, vier Täler

Vier Tage, vier Täler

In vier Tagen durch das Zillertal, Schmirntal, Stubaital und das Inntal. Dazu noch in Begleitung eines Extremradfahrers. Da kann man schon an seine persönlichen Grenzen stoßen. Mountainbiker und Autor der Geschichte Heiko Mandl hat das auf der Runde erleben dürfen und wird die Tour so schnell nicht vergessen. Im Positiven, wie die schönen Berglandschaften, und im Negativen, wie die Qualen bergauf, betrachtet.
TEXT & Foto: Heiko Mandl

Wie es sich anfühlt, mit David Beckham Fußball zu spielen? Keine Ahnung. Aber ich kann zumindest sagen, wie es ist, mit einem Race-Across-America-Sieger durch die Tiroler Berge zu radeln. Wer es noch nicht weiß: Das Race Across America (RAAM) ist mit über 5000 Kilometern das härteste Radrennen der Welt. Die Teilnehmer fahren die Strecke aber nicht in Etappen, sondern nonstopp. Pierre Bischoff hat es gewonnen, mit gut 9 Tagen im Sattel. 

Mit genau diesem Herrn Bischoff bin ich nun in Österreichs Alpen unterwegs. Für mich ist Tirol biketechnisch Neuland, für Pierre ist das Bundesland seine zweite Heimat. Der Deutsche lebt schon seit ein paar Jahren in Nauders, arbeitet als Bikeguide und ist schon gespannt, den Osten Tirols rund um das Zillertal mal unter die Lupe zu nehmen. Der Dritte im Bunde heißt Thomas, kommt aus Wien und sitzt jede freie Minuten am Bike. Er will wissen, wie es so ist, mit eine Extremradsportler auf Tour zu gehen. Zwei Österreicher, ein Deutscher, ein gemeinsamer Plan.

Der lautet: In vier Tagen durch das Zillertal, am Brenner vorbei und weiter in das Stubaital bis nach Innsbruck. Also fast halb so lange im Sattel wie beim Race Across America, von der Zeit her. Nur eben keine gut 2000 Kilometer, sondern schwache 143 Kilometer, einige Höhenmeter – nicht auf Asphalt, sondern mit dem Bike auf Trails und Schotterpisten. Bereits auf den ersten Rampen vom Inntal hoch zur Weidener Hütte zeigt uns Pierre seine Stärken und wir ihm unsere Schwächen. Der Radfreak macht auch am Bike eine sehr gute Figur und so ist es kein Wunder, dass der RAAM-Sieger schon sein zweites Bier bestellt, während wir erst bei der Hütte ankommen. Wir haben uns die vier Etappen so eingeteilt, dass genug Zeit bleibt, die schöne Tiroler Alpenlandschaft zu genießen und ausreichend Pausen machen zu können. Anders als beim RAAM fahren wir ja nicht auf Zeit, sondern wollen vom Alltag abschalten und die Trails zu 100 % auskosten. Die erste Etappe ist also geschafft, wir sitzen vor der Weidener Hütte und schauen rüber in das Karwendel, das von den letzten Sonnenstrahlen beleuchtet wird.
Der zweite Tag führt uns in das schöne Zillertal. Das langgezogene Tal ist ein einziger Spielplatz für Funsportler. Sommer wie Winter. Während in der kalten Jahreszeit die Skifahrer und Freerider ihre Lines Richtung Tal ziehen, rocken im Sommer die Biker die Trails. So wie wir. Wir haben bereits früh am Morgen die letzten Meter hoch zum Geiseljoch hinter uns gebracht und machen uns bereit für die erste lange Abfahrt hinunter in das Tuxer Tal. Die Bergspitzen sind bereits sanft in Schnee gehüllt und die Gletscher leuchten statt im schmutzigen Sommergrau in reinem Persilweiß zu uns rüber. Wir sind hier oben nicht alleine. Viele Alpencrosser begleiten uns nach unten. Für sie ist es heuer die wahrscheinlich letzte Möglichkeit für eine Alpenüberquerung. Bis zu acht Tage sind sie unterwegs an den Gardasee. Pierre schmunzelt dabei nur. Immerhin schlafen die Alpencrossnovizen in der Nacht. Er gönnte sich beim RAAM nur ein paar Stunden Schlaf – in neun Tagen
Wir lassen die anderen hinten und stürzen uns Richtung Tal. Es hat sich bei uns auch im Downhill-Ranking nichts geändert. Pierre übernimmt die Spitze und wir folgen ihm den Trail hinunter. Der Junge kanns eben, nicht nur bergauf, sondern auch bergab. Ich bin gespannt, wie er sich vom Tuxerjoch runter in das Schmirntal anstellen wird, der Trail hat schon viele Biker absatteln lassen. Hält unser RAAM-Sieger der Herausforderung stand? Bevor die Challenge startet, müssen wir in Hintertux nochmal das kleine Ritzel einlegen und bergauf hoch zum Tuxerjochhaus treten. Die ersten Meter meinen es noch gut mit uns, doch schon bald zeigt der lange Anstieg sein wahres Gesicht. Besonders die letzten Kehren sind zumindest für mich unfahrbar. Meine Kraft ist am Ende. Und Pierre? Der sitzt schon im Gastgarten des Tuxerjochhauses und genießt den Ausblick hinüber zum Hintertuxer Gletscher. Für alpines Sightseeing bleibt für uns jetzt nicht viel Zeit. Der Tag neigt sich langsam dem Ende zu und wir starten Richtung Trail runter in das Schmirntal. Wie eine lange Freeride-Line zieht sich der Trail bis zu einer markanten Kante, bis er sich dann immer steiler werdend in das Schmirntal windet. Ich habe schon viel über diesen berühmt-berüchtigten Trail gehört und gelesen. Unfahrbar, gefährlich, verblockt? Wir werden gleich sehen, ob die Geschichten darüber auch wahr sind. Pierre übernimmt in gewohnter Manier das Kommando und tänzelt mit seinem Bike gekonnt durch die ersten Spitzkehren. Thomas und ich versuchen an seinem Hinterrad zu bleiben und nicht nach vorne abzusteigen. Mir wird nach den ersten drei Kehren bewusst, die Gerüchte stimmen. Zumindest für mich, ich muss immer öfter absteigen und das Bike tragen. Und Pierre? Der trägt auch. Das Schmirntal empfängt uns mit einer angenehmen Ruhe. Das Seitental des Brenners ist nur wenigen bekannt und es verirren sich nur Naturliebhaber und Wanderer hierher. Die verschlafenen Dörfer empfangen uns mit einer Freundlichkeit, die ich aus den Alpen nur selten kenne. Pierre, Thomas und ich rollen das Tal hinaus und suchen uns ein Bett für die Nacht.
Tag drei steht im Zeichen der Höhenmeter, über zwei lange Anstiege führt die dritte Etappe in das Stubaital. Schön langsam spüre ich die vielen Höhenmeter in den Beinen. Nur mit Mühe komme ich auf mein Bike, während Pierre schon losrollt. Die Schmerzen während der dritten Etappe möchte ich hier nicht erwähnen. Mehrmals steht meine Aufgabe zur Diskussion und auch Thomas leckt schon das
Blut von seinen Waden. Genau in diesem Moment macht Pierre das, was er neben dem Radfahren am besten kann. Durch seine Motivationskünste halte ich durch und erreiche unser Quartier. Was er mir gesagt hat? Nicht viel, ich solle mich ablenken und den Schmerz vergessen. Wenn das immer so einfach wäre.
Die letzte Etappe hat es noch einmal richtig in sich. Vom Stubaital aus wartet auf uns die letzte Prüfung der Tirol-Runde. Die Starkenburger-Hütte thront 1200 Höhenmeter über unseren Köpfen und wartet darauf, erobert zu werden. Wir starten in Fulpmes und nehmen die Herausforderung an. In langen Serpentinen zieht sich die Schotterstraße Richtung Hütte. Wir blicken über fast das ganze Tal hinweg und genießen die letzten Sonnenstrahlen der Saison. Ich kann noch einmal die letzten Kräfte aktivieren und den langen Anstieg zur Hütte ohne Probleme bewältigen. Auch am letzten Tag zeigt uns Pierre erbarmungslos seine Überform. Was ich aus der Viertagestour gelernt habe? Ich werde nie das RAAM fahren, geschweigen denn gewinnen, ich sollte mehr am Rad trainieren und ich werde bestimmt bald wieder mit den beiden Jungs auf Tour gehen. Fußball mit Beckham? Da ist Biken mit Bischoff schon erlebnisreicher.