In luftiger Höhe

In luftiger Höhe

Einmal einen Klettersteig gehen. Nachdem ich ein Haus gebaut und einen Baum gepflanzt habe, ist es nun an der Zeit dafür. Der Klettersteig am Reintalersee, so lautet meine Wahl. Er gehört zwar nicht zu den leichtesten Klettersteigen in der Gegend, aber der Ausblick auf den See soll mich für die Mühen entschädigen.
TEXT & Foto: Heiko Mandl
In den letzten Jahren ist das Begehen von Klettersteigen immer beliebter geworden. Zeit für mich, auch einmal in der Vertikalen mein Glück zu versuchen und am Drahtseil entlang Höhenluft zu schnuppern. »Der Klettersteig am Reintalersee ist zu empfehlen«, rät mir Georg. Er hat ihn schon mehrmals durchstiegen und kennt jede Ecke und Kante in der Felswand. Zufällig hat er morgen am Vormittag Zeit und würde mich gerne bei meinem Vorhaben begleiten. Da kann ich fast nicht Nein sagen und zudem ist es nicht von Nachteil, wenn ein erfahrener Klettersteig-Spezialist mit Tipps und Tricks zur Seite steht. Dabei wird der Sport oft unterschätzt. Es passieren aber immer wieder Unfälle, meistens durch Überschätzung der eigenen Kondition. Das sollte mir nicht passieren, ich gehe mit viel Respekt an
die Sache ran und informiere mich zuerst über den Klettersteig im Inntal. In der Wand wurden zwei Routen errichtet, die sich über 250 Höhenmeter durch die Wand ziehen. Der erste, leichtere Steig zieht sich nach ca. 50 Metern nach rechts über steile Platten nach oben und ist auf der fünfteiligen Skala (von A – leicht bis F sehr schwer) mit C/D bewertet. Die linke Variante besitzt die Schwierigkeit F und ist nur etwas für erfahrene Kletterer. Wer nicht mehr weiterkommt, muss beim Klettersteig wieder zurück nach unten, was zum Teil anstrengender ist als nach oben zu kommen. Ich gehe kurz in mich und entscheide mein Vorhaben zu starten.
Am nächsten Tag stehe ich mit Georg beim Parkplatz am Reintalersee und blicke ehrfürchtig hoch zur Wand. Ich dachte mir nicht, dass 250 Meter so hoch wirken können. Steil ziehen sich die Wände über der Baumgrenze in den Himmel hoch. »Kannst du das Dach in der Mitte der Wand sehen?«, fragt mich Georg. Dort führt die sportliche Variante durch den Fels. Meist überhängend und ausgesetzt. Bevor wir in die Wand einsteigen, steht uns noch der Anstieg durch den Wald bevor. In 20 Minuten sollten wir dann endlich die Gurte anlegen können. Nach ein paar Minuten öffnet sich auch der Blick zum See und dem Inntal. Für das Panorama habe ich in dem Moment aber keinen Kopf. Beim Blick nach oben wirkt die Wand immer steiler und imposanter. Mit Schweiß auf der Stirn kommen wir schließlich zum Einstieg in die Tour. Mein Blick fällt sogleich auf ein Schild, wo die Route gut aufgegliedert ist und die einzel

»Der Klettersteig darf nicht unterschätzt werden und beginnt gleich mit einer der schwersten Stellen in der Wand.«

Georg Rupprechter, Bergfex

nen Teile erklärt werden. Anfangs wartet sogleich eine Stelle mit der Schwierigkeit D, bevor es dann wieder leichter wird. Wir legen unsere Gurte an, befestigen die Klettersteigsets und setzen die Helme auf. Ein Klettersteigset besteht aus zwei Bandschlingen, an deren Ende zwei Karabiner befestigt sind. Ein Karabiner muss immer am Drahtseil eingehängt sein, während man den anderen in das nächste Seilstück über dem Eisenstift einhängt. So ist man in der Wand immer mit zumindest einem Ende gesichert.
Beim Hochgehen darf man natürlich neben dem Fels auch das Drahtseil oder Eisenstufen verwenden, um nach oben zu kommen. So ziehe ich mich die ersten Meter hoch. Viele Tritte sind nicht im Fels, kein Wunder bei der Schwierigkeit zu Beginn, doch nach der ersten Querung kann ich erstmal durchschauen und den Blick ins Tal genießen. Nach einem weiteren Anstieg kommt nun die Abzweigung, wo sich die Kletterer zwischen dem linken, sportlichen Steig und dem rechten entscheiden müssen. Beim Blick in das Dach fällt die Entscheidung leicht. Rechts, alles andere wäre purer Leichtsinn. 

So kämpfen wir uns die Platten nach rechts hoch. Immer wieder helfen mir
Eisenstufen beim Hochklettern. Aber dennoch, die Arme sind bald weich wie Butter. Oder besser gesagt hart. Die Muskeln sind verkrampft und die Kraft lässt nach.
Gott sei Dank wird der Steig zum Ende hin leichter und wir hanteln uns über Grasbänke und Wege Richtung Ausstieg. Nach knapp zwei Stunden haben wir es geschafft, wir stehen am Ende des Klettersteigs und blicken in die Tiefe. Etwas Stolz kommt in mir hoch, mein erster Klettersteig! Aber noch sind wir nicht am Ende, der Abstieg führt über der Wand zum Forstweg, der uns wieder sicher nach unten bringt. Alternativ könnten wir auch wieder über den Steig nach unten klettern, was jedoch bei viel Verkehr in der Wand nicht zu raten ist. Jetzt stehe ich wieder unten am Parkplatz und blicke noch einmal zurück zur Wand. »Georg was machst du morgen?«, frage ich.

Die Natur ist kein Sportgerät

Die Natur ist kein Sportgerät

Costa Rica änderte Franz Gollers Sicht auf die Natur. Aus der Angst vor jedem nächtlichen Geräusch wird Neugierde. Und das trotz Puma, der ihm auflauerte. Ein Leben für die Natur zwischen eBikes, die zum »Erblinden« führen, bis hin zu getragenen Amphibien.
TEXT: Adriane Gamper Foto: GPHOTO / Florian Egger
Dieses Frühjahr hat Franz Goller 3.654 Amphibien über die Straße getragen, damit sie nicht überfahren werden. Ein Satz, der wohl jedes Klischee untermauert, das über Naturschützer existiert. Doch Franz ist anders, wie schon seine Überzeugung zeigt. »Schutzgebiete kann es ohne den Tourismus nicht geben. Denn, wenn sie keinen offensichtlichen Nutzen haben, werden sie nicht gefördert.« Der spätberufene Biologe ist Schutzgebietsbetreuer, kümmert sich um die Schwemm in Walchsee, den Egelsee bei Kufstein, die Mai-staller Lacke und das Kaisergebirge. Das Hauptproblem rund um den Naturschutz ist in seinen Augen, dass viele die Natur nicht mehr wahrnehmen, obwohl Wandern, Radfahren und Co boomt, Naturfotos die sozialen Medien überschwemmen, der Tourismus mit der Natur wirbt. Dieses »Nicht-sehen«, ein Phänomen, dem auch Franz erst entkommen musste. Es war ein Weg zwischen Pumas in Costa Rica, Kufsteiner Eulen und schneebedeckter Leere.

Tiroler-Depression

Costa Rica im Jahr 2013. Franz arbeitet im Rahmen seiner Bachelorarbeit für eine Forschungsstation. Nachts marschiert der Kufsteiner für seine Arbeit im Regenwald umher. »Ich war umgeben von unzähligen Geräuschen. Anfangs herrschte die Angst vor, doch bald überwog die Frage, wer hinter den Geräuschen steckt.« Selbst ein Puma, der ihm auflauert, kann seine Neugierde nicht mehr aufhalten. Bis er nach Tirol zurückkehrt. »Ich kam vom vor Leben überschäumenden Regenwald in den Tiroler Winter. Bei uns im Wald war nichts zu hören, nichts zu sehen. Es war wie eine Depression. Ich dachte nur, ich muss wieder zurück.« Doch Franz bleibt, denn mit jedem Tag sieht er mehr. »Auch bei uns ist extrem viel los, wenn du dich darauf einlässt. Es ist ein Wahnsinn, vor allem in der Nacht.« Kufsteiner Eulen öffnen ihm schließlich gänzlich die Augen.

Like gegen den Naturgenuss

»Ich habe für meine Masterarbeit die Eulen im Bezirk Kufstein erfasst. Viele sagten, die gibt es doch bei uns gar nicht. Das was ich dann erlebte, war ein Geschenk. 100 Individuen und fünf verschiedene habe ich gezählt.« Es sind aber nicht nur die Pflanzen und Tiere, die es wieder zu sehen gilt. »Da sind das U in der Landschaft, das einst der Gletscher formte, die schroffen Bergspitzen, die darauf schließen lassen, dass sie über den Gletscher empor ragten. Die Natur öffnet ein Fenster in die Vergangenheit und ist damit viel spannender als die meisten wahrnehmen.« »Mitschuld« daran ist für Franz der Geschwindigkeitsrausch. »Beruf und Freizeit werden von Schnelligkeit dominiert. Wie viele Kilometer habe ich heute geschafft? Wie schnell war ich am Ziel? Ich will nicht über E-Bikes schimpfen, aber sie unterstützen diesen Geschwindigkeitswahn.« Schnell hochradeln, ein Foto vom Gipfel schießen, ins Netz stellen und auf Likes warten. Das bestimmt für etliche den »Naturgenuss«. »Die Natur verkommt zum Sportgerät, wird nur benutzt. Um die Pflanzen und Tiere am Wegesrand zu sehen, die Natur zu erfassen, braucht man aber Zeit.«

»Wenn du anfängst zu sehen, eröffnet sich dir eine neue Welt.«

Franz Goller, Schutzgebietsbeauftragter

Urlauber aus dem Süden

»Wir Naturschützer schützen im Grunde das Wenige, das noch da ist. Auch gilt es, das zu unterstützen, was sich wieder entwickelt.« Bestes Beispiel sind für Franz Biber. »Die Menschen sehen oft nur die angenagten Bäume, hinterfragen nicht. Im Grunde erledigt der Biber Renaturierungsarbeiten, die ansonsten schnell einmal Unsummen verschlingen. Der Biber schafft neue Lebensräume, so dass sich andere Tiere wieder ansiedeln können.« So kam etwa der Eisvogel nach Tirol zurück. »Wir müssen auch unsere internationale Verantwortung erkennen, die Natur ist vernetzt, kennt keine Grenzen. Die Tiroler Braunkehlchen etwa brüten bei uns und fliegen zum Überwintern nach Afrika.« Werden hier in Tirol ihre Lebensräume zerstört, verschwinden diese Vögel auch in Afrika. Die Natur ist mehr als auf Plakaten verkauft wird, mehr als schöne Berglandschaften, wie Franz Goller betont. »Vor allem hat die Natur für sich eine Existenzberechtigung. Doch es gibt positive Entwicklungen. Durch den grenzüberschreitenden Naturschutz der EU brüten wieder einstmals heimische Vogelarten bei uns, so wie etwa der Rotmilan.«

Vier Tage, vier Täler

Vier Tage, vier Täler

In vier Tagen durch das Zillertal, Schmirntal, Stubaital und das Inntal. Dazu noch in Begleitung eines Extremradfahrers. Da kann man schon an seine persönlichen Grenzen stoßen. Mountainbiker und Autor der Geschichte Heiko Mandl hat das auf der Runde erleben dürfen und wird die Tour so schnell nicht vergessen. Im Positiven, wie die schönen Berglandschaften, und im Negativen, wie die Qualen bergauf, betrachtet.
TEXT & Foto: Heiko Mandl

Wie es sich anfühlt, mit David Beckham Fußball zu spielen? Keine Ahnung. Aber ich kann zumindest sagen, wie es ist, mit einem Race-Across-America-Sieger durch die Tiroler Berge zu radeln. Wer es noch nicht weiß: Das Race Across America (RAAM) ist mit über 5000 Kilometern das härteste Radrennen der Welt. Die Teilnehmer fahren die Strecke aber nicht in Etappen, sondern nonstopp. Pierre Bischoff hat es gewonnen, mit gut 9 Tagen im Sattel. 

Mit genau diesem Herrn Bischoff bin ich nun in Österreichs Alpen unterwegs. Für mich ist Tirol biketechnisch Neuland, für Pierre ist das Bundesland seine zweite Heimat. Der Deutsche lebt schon seit ein paar Jahren in Nauders, arbeitet als Bikeguide und ist schon gespannt, den Osten Tirols rund um das Zillertal mal unter die Lupe zu nehmen. Der Dritte im Bunde heißt Thomas, kommt aus Wien und sitzt jede freie Minuten am Bike. Er will wissen, wie es so ist, mit eine Extremradsportler auf Tour zu gehen. Zwei Österreicher, ein Deutscher, ein gemeinsamer Plan.

Der lautet: In vier Tagen durch das Zillertal, am Brenner vorbei und weiter in das Stubaital bis nach Innsbruck. Also fast halb so lange im Sattel wie beim Race Across America, von der Zeit her. Nur eben keine gut 2000 Kilometer, sondern schwache 143 Kilometer, einige Höhenmeter – nicht auf Asphalt, sondern mit dem Bike auf Trails und Schotterpisten. Bereits auf den ersten Rampen vom Inntal hoch zur Weidener Hütte zeigt uns Pierre seine Stärken und wir ihm unsere Schwächen. Der Radfreak macht auch am Bike eine sehr gute Figur und so ist es kein Wunder, dass der RAAM-Sieger schon sein zweites Bier bestellt, während wir erst bei der Hütte ankommen. Wir haben uns die vier Etappen so eingeteilt, dass genug Zeit bleibt, die schöne Tiroler Alpenlandschaft zu genießen und ausreichend Pausen machen zu können. Anders als beim RAAM fahren wir ja nicht auf Zeit, sondern wollen vom Alltag abschalten und die Trails zu 100 % auskosten. Die erste Etappe ist also geschafft, wir sitzen vor der Weidener Hütte und schauen rüber in das Karwendel, das von den letzten Sonnenstrahlen beleuchtet wird.
Der zweite Tag führt uns in das schöne Zillertal. Das langgezogene Tal ist ein einziger Spielplatz für Funsportler. Sommer wie Winter. Während in der kalten Jahreszeit die Skifahrer und Freerider ihre Lines Richtung Tal ziehen, rocken im Sommer die Biker die Trails. So wie wir. Wir haben bereits früh am Morgen die letzten Meter hoch zum Geiseljoch hinter uns gebracht und machen uns bereit für die erste lange Abfahrt hinunter in das Tuxer Tal. Die Bergspitzen sind bereits sanft in Schnee gehüllt und die Gletscher leuchten statt im schmutzigen Sommergrau in reinem Persilweiß zu uns rüber. Wir sind hier oben nicht alleine. Viele Alpencrosser begleiten uns nach unten. Für sie ist es heuer die wahrscheinlich letzte Möglichkeit für eine Alpenüberquerung. Bis zu acht Tage sind sie unterwegs an den Gardasee. Pierre schmunzelt dabei nur. Immerhin schlafen die Alpencrossnovizen in der Nacht. Er gönnte sich beim RAAM nur ein paar Stunden Schlaf – in neun Tagen
Wir lassen die anderen hinten und stürzen uns Richtung Tal. Es hat sich bei uns auch im Downhill-Ranking nichts geändert. Pierre übernimmt die Spitze und wir folgen ihm den Trail hinunter. Der Junge kanns eben, nicht nur bergauf, sondern auch bergab. Ich bin gespannt, wie er sich vom Tuxerjoch runter in das Schmirntal anstellen wird, der Trail hat schon viele Biker absatteln lassen. Hält unser RAAM-Sieger der Herausforderung stand? Bevor die Challenge startet, müssen wir in Hintertux nochmal das kleine Ritzel einlegen und bergauf hoch zum Tuxerjochhaus treten. Die ersten Meter meinen es noch gut mit uns, doch schon bald zeigt der lange Anstieg sein wahres Gesicht. Besonders die letzten Kehren sind zumindest für mich unfahrbar. Meine Kraft ist am Ende. Und Pierre? Der sitzt schon im Gastgarten des Tuxerjochhauses und genießt den Ausblick hinüber zum Hintertuxer Gletscher. Für alpines Sightseeing bleibt für uns jetzt nicht viel Zeit. Der Tag neigt sich langsam dem Ende zu und wir starten Richtung Trail runter in das Schmirntal. Wie eine lange Freeride-Line zieht sich der Trail bis zu einer markanten Kante, bis er sich dann immer steiler werdend in das Schmirntal windet. Ich habe schon viel über diesen berühmt-berüchtigten Trail gehört und gelesen. Unfahrbar, gefährlich, verblockt? Wir werden gleich sehen, ob die Geschichten darüber auch wahr sind. Pierre übernimmt in gewohnter Manier das Kommando und tänzelt mit seinem Bike gekonnt durch die ersten Spitzkehren. Thomas und ich versuchen an seinem Hinterrad zu bleiben und nicht nach vorne abzusteigen. Mir wird nach den ersten drei Kehren bewusst, die Gerüchte stimmen. Zumindest für mich, ich muss immer öfter absteigen und das Bike tragen. Und Pierre? Der trägt auch. Das Schmirntal empfängt uns mit einer angenehmen Ruhe. Das Seitental des Brenners ist nur wenigen bekannt und es verirren sich nur Naturliebhaber und Wanderer hierher. Die verschlafenen Dörfer empfangen uns mit einer Freundlichkeit, die ich aus den Alpen nur selten kenne. Pierre, Thomas und ich rollen das Tal hinaus und suchen uns ein Bett für die Nacht.
Tag drei steht im Zeichen der Höhenmeter, über zwei lange Anstiege führt die dritte Etappe in das Stubaital. Schön langsam spüre ich die vielen Höhenmeter in den Beinen. Nur mit Mühe komme ich auf mein Bike, während Pierre schon losrollt. Die Schmerzen während der dritten Etappe möchte ich hier nicht erwähnen. Mehrmals steht meine Aufgabe zur Diskussion und auch Thomas leckt schon das
Blut von seinen Waden. Genau in diesem Moment macht Pierre das, was er neben dem Radfahren am besten kann. Durch seine Motivationskünste halte ich durch und erreiche unser Quartier. Was er mir gesagt hat? Nicht viel, ich solle mich ablenken und den Schmerz vergessen. Wenn das immer so einfach wäre.
Die letzte Etappe hat es noch einmal richtig in sich. Vom Stubaital aus wartet auf uns die letzte Prüfung der Tirol-Runde. Die Starkenburger-Hütte thront 1200 Höhenmeter über unseren Köpfen und wartet darauf, erobert zu werden. Wir starten in Fulpmes und nehmen die Herausforderung an. In langen Serpentinen zieht sich die Schotterstraße Richtung Hütte. Wir blicken über fast das ganze Tal hinweg und genießen die letzten Sonnenstrahlen der Saison. Ich kann noch einmal die letzten Kräfte aktivieren und den langen Anstieg zur Hütte ohne Probleme bewältigen. Auch am letzten Tag zeigt uns Pierre erbarmungslos seine Überform. Was ich aus der Viertagestour gelernt habe? Ich werde nie das RAAM fahren, geschweigen denn gewinnen, ich sollte mehr am Rad trainieren und ich werde bestimmt bald wieder mit den beiden Jungs auf Tour gehen. Fußball mit Beckham? Da ist Biken mit Bischoff schon erlebnisreicher.

Vom Foto zum Berlinerhöhenweg

Vom Foto zum Berlinerhöhenweg

Ein Foto im Großformat vom Schönbichlerhorn puscht die Wahltirolerin Kristin Berglund durch ihre Physiotherapie. Gleichzeitig fixiert sich ein langgehegter Wunsch. Die leidenschaftliche Bergläuferin will den Berliner Höhenweg bewältigen. In einem Stück. Ein Vorhaben umrahmt von Vollmond, Dauerregen, grandiosen Ausblicken und der Kraft der Freunde.
TEXT: Adriane Gamper Foto: CrazyProjects / Max Draeger

Im Jänner dieses Jahres zieht sich Kristin Berglund am Weg zur Grinbergspitze einen Kreuzbandriss zu. Als Physiotherapeutin weiß die erfolgreiche Trailrunnerin, wie wichtig die Physiotherapie ist. »Trotzdem war es schwierig, mich aufzuraffen. Es gab Momente, in denen wollte ich alles, nur nicht meine Übungen absolvieren.« Die gebürtige Schwedin greift zu einem Motivationstrick, orga-nisiert ein Großformatfoto, das sie zeigt, wie sie auf das Schönbichlerhorn läuft. »Jedes Mal wenn ich keine Lust auf meine Rehaübungen hatte, habe ich auf das Bild geblickt und mir gesagt: dort möchte ich wieder laufen und dafür muss ich jetzt trainieren.« Kristin Berglund hat nämlich einen langgehegten Traum. »Seit Markus Kröll, mein Teamkollege vom österreichischen Salomon Running Team, den Berliner Höhenweg in einem Stück absolviert hat, denke ich darüber nach, dies auch zu versuchen.« Ein Weitwanderweg im Zillertal, den Wanderer normalerweise in sechs Tagen zurücklegen. Knapp 7.000 Höhenmeter. An die 90 Kilometer lang.

Schwedisches Märchen

Die 36-jährige Wahl-Radfelderin liebt die Berge. Eine »späte« Liebe. Kristin war 17, als sie zum ersten Mal Berge sah. »Das war in Frankreich. Bis dorthin bin ich wie in einem schwedischen Märchen aufgewachsen. Das Haus meiner Eltern liegt wunderschön an einem See. Ein klassisches rotes Schwedenhaus. Rings-um nichts außer Natur. Keine Nachbarn, keine Geschäfte, nichts.« Allen voran keine Berge. Die höchsten Hügel ringsum haben gerade einmal 200 Höhenmeter, die nächsten höheren Gipfel liegen 1.500 km weiter nördlich. »Als ich in Frankreich zum ersten Mal die Berge sah, wusste ich, das ist es.«

Vom Vollmond zu den Sonnenstrahlen

Kristin kämpft sich durch die Reha und ein halbes Jahr später, am 5. Juli, wird ihr Traum wahr. Um elf Uhr nachts fällt in Mayrhofen vor dem Europahaus der Startschuss für ihr Abenteuer »Berliner Höhenweg nonstop«. Die Wettervorhersage ist nicht gerade gut, doch an ein Verschieben denkt die Trailrunnerin nicht. »Ich wollte meine Freunde dabei haben. Wir waren insgesamt zu zehnt, da kannst du nicht so einfach einen Termin neu ansetzen.« Neben anderen Teamkollegen steht auch Lokalmatador Markus Kröll mit ihr an der Startlinie. Der Zillertaler schaffe 2012 als erster die Nonstop-Begehung des bekannten Höhenwegs. Er will Kristin den ganzen Weg hindurch begleiten, die anderen Freunde wechseln sich ab.

Der Berg aus der Reha

Es ist mitten in der Nacht. Stirnlampen und der Vollmond erhellen den Weg. Über Serpentinen und Latschenfelder geht es von Mayrhofen nach Finkenberg, hinauf zur Gamshütte und weiter zum Friesenberghaus. Damit haben sie das als »1. Etappe« bezeichnete Teilstück absol-viert. Normale Wanderer brauchen dafür an die elf, zwölf Stunden. Kristin erreicht das Friesenhaus nach fünf Stunden und 40 Minuten. Bei der Olpererhütte erhel-len erste Sonnenstrahlen die Bergwelt. Es geht hinab zum Schlegeisspeicher, wie-der hinauf zum Furtschaglhaus und von dort zum Schönbichlerhorn. Dem Berg auf dem Foto aus der Reha. »Ich habe schon ab und an gedacht, wenn wieder etwas passiert, fängt alles von vorne an. Dazu kam, dass ich mich bei den Downhill-Strecken mit meinem Knie schwer tat, aber die Stimmung war grandios und das Wetter entgegen der Vorhersagen sensationell. Bis jetzt.«

»Als der Regen kam, bin ich teilweise sogar gekrabbelt..«

Kristin Berglund, Trailrunnerin

Tausche Spanien gegen Tirol

»Am Schönbichlerhorn war ich schon öfters. Überhaupt hatte ich einige der Teilabschnitte des Berliner Höhenwegs bereits zuvor absolviert. Ich mag diese Strecken, ja den gesamten Berliner Höhenweg, da er von der Geologie her eine logische Route darstellt. So etwas fasziniert mich.« Ihre Faszination für die Berge war auch der Grund, dass sie damals in Schweden einen Tag nach der Matura in ihr Auto stieg und nach Tirol zog. »Eigentlich wollte ich nach Spanien. Malaga, die Sierra Nevada und die spanische Sprache hatten es mir angetan, doch die Arbeitssituation war dort sehr schlecht. Daher fragte ich beim AMS in Schweden nach einem Job und sie vermittelten mir eine Au-Pair-Stelle in Breitenbach.« Nie zuvor hat sie von Tirol gehört, doch sie fühlt sich mitten in den Bergen sofort wohl. Aus einem Jahr werden drei, bevor sie nach Schweden zurückkehrt, um die Ausbildung zur Physiotherapeutin zu absolvieren. Doch Tirol lässt sie nicht los und so packt sie 2010 wieder ihre Koffer. Zurück in Tirol entdeckt Kristin das Trailrunning. 2016 wird sie Mitglied des Salomon Running Teams. Längst gilt sie als eine der erfolgreichsten Trailrunnerinnen Tirols. Allein 2016 siegte Kristin Berglund beim Großglockner und beim Zugspitz Ultra Trail.

Eisiger Antrieb

Erfahrungen, die jetzt am Berliner Höhenweg hilfreich sind. Neun Stunden und 40 Minuten nach dem Start in Mayrhofen steht Kristin vor der Berliner Hütte. Eine Essensrast steht an und der Hüttenwirt hat schlechte Nachrichten. »Er sagte uns, dass es regnen wird, obwohl das für uns bei dem blauen Himmel kaum vorstellbar war.« Zuversichtlich rennen sie weiter. Greizer Hütte, Lapenscharte. Der Himmel verdunkelt sich. Es wird windig. Die Temperatur fällt. Der Regen setzt ein. »Wir dachten, es ist ein kurzer Schauer, aber es hörte nicht auf.« Der ansons-ten schon anspruchsvolle Weg wird immer rutschiger. »Ich bin teilweise sogar gekrabbelt.« Fünf Stunden heftiger Dauerregen. Der Wind zerrt an ihrer Kleidung. Die Kälte treibt sie vorwärts, vorbei an der letzten geplanten Raststation, der Karl-von-Edel-Hütte. »Niemand wollte einkehren, wir wollten nur zurück nach Mayrhofen.« 23 Stunden und 57 Minuten nach ihrem Start in Mayrhofen er- reicht sie wieder das Europahaus. Als erste Frau hat Kristin Berglund den Berliner Höhenweg nonstop unter 24 Stunden absolviert. »Ein grandioses Gefühl.«

Steinerner Zeuge aus Granit

Steinerner Zeuge aus Granit

Eine langgehegte Vision zweier Brüder wurde nunmehr Realität: Auf der Seekarlspitze im Rofangebirge thront seit kurzem ein Kreuz aus purem Granit. Es dient der Erinnerung an das 60-jährige Bestehen der Bergrettung Maurach. Was das Gipfelkreuz abseits des Materials, aus dem es gemacht wurde, so besonders macht, ist die beispiellose Kooperation einiger Familien und Betriebe in Maurach, die die Errichtung des mehr als vier Meter hohen Kreuzes erst möglich machte.
TEXT: Dirty, Foto: Achental Tourismus, Michael Meisl, Fabio Keck
Man kennt sie als Holz- oder Metallkonstruktion, einige sind aufgrund ihrer Höhenlage ganzjährig vereist, andere wiederum kunstvoll verziert. Sehr selten jedoch sind – zumindest in unseren Breiten –Gipfelkreuze aus Stein. Ein solch rares Exemplar wurde unlängst im Rahmen eines aufsehenerregenden Fluges auf den 2.261 Meter hohen Gipfel der Seekarlspitze (Rofangebirge) in der Region Achensee transportiert. 2700 Kilogramm Granit, 2500 Kilogramm Beton und 700 Arbeitsstunden sind die eindrucksvollen Zahlen rund um das 3,3 Meter hohe Kreuz, das eine ganz besondere Entstehungsgeschichte hat.

Von der Idee zum Projekt

Bereits vor etwa 18 Jahren fasste Raimund Walser aus Maurach den Entschluss, einmal ein Gipfelkreuz aus Stein anzufertigen: »Ich war damals mit dabei, als ein Freund von mir – Kunstschmiedemeister von Beruf – ein Gipfelkreuz spendete und zur Einweihung übergab. Ich sprach mit meinem Bruder Simon darüber und seit diesem Zeitpunkt keimte in uns die Idee rund um das steinerne Kreuz.« Um dem ursprünglichen Gedanken Folge leisten zu können, mussten allerdings erst die Voraussetzungen geschaffen werden: »In den Anfangsjahren unseres Unternehmens Walserstein hätten wir uns ein solches Projekt schlichtweg nicht leisten können und so musste das Projekt noch ein wenig warten. Als jedoch im vergangenen Jahr die Bergrettung Maurach ihr 60-jähriges Bestehen feierte, brachten wir unsere Idee vor«, so Walser. 

Zusammenarbeit mehrerer Partner

Nach wenigen Besprechungen wurde aus dem Gedanken ein Projekt und man fand einen weiteren wichtigen Partner, um das Vorhaben umsetzen zu können: Für den Transport des Natursteinkreuzes auf die Seekarlspitze kam die Familie Leo Schwarzmann aus Maurach – quasi als Logistikpartner – an Bord und erklärte sich bereit, die notwendigen Hubschraubereinsätze zur Errichtung des Gipfelkreuzes zu übernehmen. »Ich war sofort fasziniert, als ich von der Idee rund um das steinerne Gipfelkreuz hörte und wollte meinen Beitrag dazu leisten. Die Bergrettung verdient unsere größte Wertschätzung, denn sie ist Hilfs- und Rettungssystem für alle, die im Gebirge in Gefahr sind. Ich freue mich, dass mit dem Steinkreuz nun ein besonderes, weit sichtbares Monument unserer Kultur am Achensee seinen Platz gefunden hat«, so Leo Schwarzmann.
Im Frühjahr 2020 begann man schließlich bei Walserstein mit der Produktion: Aus einem 6700 Kilogramm schweren Granitblock wurden die Konturen eines Kreuzes herausgeschnitten. Nach dem Zuschnitt wurde händisch mit tausenden Hammerschlägen die Struktur im unteren Bereich ausgearbeitet. Im Anschluss folgten Schliff und Politur, bevor das sakrale Kunstwerk für den Transport vorbereitet werden konnte. Zeitgleich begannen Mitglieder der Bergrettung Maurach mit dem Errichten des Fundamentes am Berg. Nach dem Aushub für das Fundament wurden händisch 1000 Kilogramm Fertigbeton verarbeitet, um die Bodenplatte zu errichten. Mit einigen Transportflügen wurde das Fundament – also weitere 1500 Kilogramm Beton – für das Kreuz zum Gipfel gebracht und im Anschluss fertiggestellt.
Am 22.07.2020 war es dann so weit: Ein mit Doppelrotorsystem ausgestatteter Hubschrauber der Type Kamov holte das Kreuz unterhalb der Buchaueralm ab. Das Gipfelkreuz – bereits am frühen Vormittag vom Erdbauunternehmen Feil zur Abflugstelle gebracht – war nach wenigen Handgriffen der Flughelfer für den Transport bereit. Der 4000 PS starke Helikopter transportierte das steinerne Kreuz im Rahmen einer spektakulären Aktion zum Gipfel. Höchste Anforderungen an das Können des Piloten stellte die Zentimeterarbeit beim Einfädeln in das Fundament dar. »Mit dem Gipfelkreuz aus Granit auf der Seekarlspitze ist die Region Achensee nunmehr um ein Alleinstellungsmerkmal reicher«, freut sich Martin Tschoner, Geschäftsführer Achensee Tourismus. Auf Anfrage beim Österreichischen Alpenverein konnte erhoben werden, dass bislang kein vergleichbares Steinkreuz auf österreichischen Berggipfeln bekannt ist. Ebenfalls etwas Besonderes: Anhand eines in den Stein gemeißelten Passwortes kann man sich beim Steinkreuz auf der Seekarlspitze künftig in ein digitales Gipfelbuch eintragen.
Bis zur Einweihung dieses beeindruckenden steinernen Zeugen hoch über dem Achensee werden noch einige Wochen ins Land bzw. über den See ziehen. Im Rahmen einer Gipfelmesse auf der über einen ausgeschilderten schwarzen Bergweg erreichbaren Seekarlspitze wird das Kreuz am 11. Oktober 2020 eingeweiht. »Bei der Einweihung durch Univ.-Prof. Dr. Józef Niewiadomski werden zahlreiche Mitglieder der Bergrettung Maurach zugegen sein. Wir möchten diese Gelegenheit dann auch dazu nutzen, der Firma Walserstein, der Familie Leo Schwarzmann und allen weiteren Unterstützern und Partnern recht herzlich zu danken«, so Martin Roner, Ortsstellenleiter der Bergrettung Maurach am Achensee. »Wir wünschen eine weiterhin unfallfreie Wandersaison und wir sind überzeugt, dass die Bergsteiger auf der Seekarlspitze dem steinernen Gipfelkreuz die gleiche Wertschätzung entgegenbringen wie wir es tun.

A wie Anis Z wie Zitronenmelisse

A wie Anis Z wie Zitronenmelisse

Hopfenzapfen, Gänseblümchen, Königskerze. Unsere Wälder und Wiesen sind voller gesunder und schmackhafter Kräuter. Die Breitenbacherin und Kräuterspezialistin Agnes Luger gewährt in der Bergheimat zukünftig Einblicke in die vielfältige Kräuterwelt.
TEXT: Adriane Gamper FOTO: GPhoto / Gerhard Flatscher
Über die schmale Treppe geht es nach oben. Mit jedem Schritt intensiviert sich ein Duftgemisch aus Pfefferminz, Lavendel und anderen nicht zuordenbaren Kräutern. Eine letzte Stufe. Die unter dem Giebel eingezogene Zwischendecke ist erreicht. Aufrecht stehen ist kaum möglich, teilweise ist der langgezogene Raum unter einem Meter hoch. Agnes Luger ist das egal, denn hier heroben ist der perfekte Platz für ihre Schätze. Himbeerblätter, Odermennig, Schafgarbe und vieles mehr

»Die Natur gibt uns alles, was wir für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden benötigen. Gegen akute Beschwerden genauso wie vorbeugend.«

Agnes Luger, Kräuterexpertin

liegen auf zwei ausgebreiteten Leintüchern. Aus einem großen Korb ragen die gelben Blüten des Steinklees. Auf kleinen Tabletts trocknen Lavendelbüschel, Kamillenblüten, Rosenblätter. »Die Rose hat eine besonders hohe Schwingung, die sehr heilend wirkt. Und ich liebe die Blütenblätter als bunte Farbtupfer in meinen Teemischungen.«

Gemischte Gesundheit

Agnes‘ Kräuterliebe hat vor über 30 Jahren begonnen. Damals liest sie von einer Kräuterwanderung in Hopfgarten, nimmt daran teil und ist fasziniert. »Ich konnte mir von den unzähligen besprochenen Pflanzen zwar nur einen Bruchteil merken, doch die Materie ließ mich nicht mehr los.« Weitere Wanderungen folgen, ihr Wissen rund um Kräuter und deren Wirkung wächst. Sie besorgt sich Fachliteratur, fängt an, immer mehr Pflanzen zu sammeln. Erst nur für ihre Familie, dann auch für Freunde und Bekannte. »Ich liebe es, Teemischungen herzustellen. Vom Husten- bis zum Entschlackungstee.« Über 50 verschiedene Kräuter warten inzwischen am Dachboden auf ihren Einsatz.

Glasparade

Nach ihrem Favoriten gefragt, kommt als Erstes die Schafgarbe. Ein echter Tausendsassa. »Aber auch Brennessel und Goldrute sind etwas Spezielles. Und dann natürlich die Meisterwurz. Schon allein ihr Duft ist einmalig.« In gebückter Haltung geht es weiter durch den Raum. In einem Regal stehen unzählige große, randvoll gefüllte Gläser. Rot. Gelb. Grün. Lila. Rotklee, Linden- und Hollerblüten. Im Kasten daneben stapeln sich weitere Gläser. Hopfenzapfen. Gänseblümchen. Lungenkraut. Gesammelt wird nur bei Trockenheit. Wenn das Wetter passt, startet Agnes ab dem Frühjahr ein-, zweimal die Woche los. Sie hat ihre Plätze, weiß, wo was wächst. Ungedüngt und ungespritzt ist wichtig. »Es ist mir dabei wichtig, die Natur zu achten und nicht auszubeuten. Ich ernte nie alles ab, sondern lasse einen Teil der Kräuter stehen, damit sie nachwachsen können.«