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Vom Foto zum Berlinerhöhenweg

Die Bergheimat

Vom Foto zum Berlinerhöhenweg

Die Wilde Kaiserin

Vom Foto zum Berlinerhöhenweg

Die Wilde Kaiserin

Vom Foto zum Berlinerhöhenweg

Ein Foto im Großformat vom Schönbichlerhorn puscht die Wahltirolerin Kristin Berglund durch ihre Physiotherapie. Gleichzeitig fixiert sich ein langgehegter Wunsch. Die leidenschaftliche Bergläuferin will den Berliner Höhenweg bewältigen. In einem Stück. Ein Vorhaben umrahmt von Vollmond, Dauerregen, grandiosen Ausblicken und der Kraft der Freunde.
TEXT: Adriane Gamper Foto: CrazyProjects / Max Draeger

Im Jänner dieses Jahres zieht sich Kristin Berglund am Weg zur Grinbergspitze einen Kreuzbandriss zu. Als Physiotherapeutin weiß die erfolgreiche Trailrunnerin, wie wichtig die Physiotherapie ist. »Trotzdem war es schwierig, mich aufzuraffen. Es gab Momente, in denen wollte ich alles, nur nicht meine Übungen absolvieren.« Die gebürtige Schwedin greift zu einem Motivationstrick, orga-nisiert ein Großformatfoto, das sie zeigt, wie sie auf das Schönbichlerhorn läuft. »Jedes Mal wenn ich keine Lust auf meine Rehaübungen hatte, habe ich auf das Bild geblickt und mir gesagt: dort möchte ich wieder laufen und dafür muss ich jetzt trainieren.« Kristin Berglund hat nämlich einen langgehegten Traum. »Seit Markus Kröll, mein Teamkollege vom österreichischen Salomon Running Team, den Berliner Höhenweg in einem Stück absolviert hat, denke ich darüber nach, dies auch zu versuchen.« Ein Weitwanderweg im Zillertal, den Wanderer normalerweise in sechs Tagen zurücklegen. Knapp 7.000 Höhenmeter. An die 90 Kilometer lang.

Schwedisches Märchen

Die 36-jährige Wahl-Radfelderin liebt die Berge. Eine »späte« Liebe. Kristin war 17, als sie zum ersten Mal Berge sah. »Das war in Frankreich. Bis dorthin bin ich wie in einem schwedischen Märchen aufgewachsen. Das Haus meiner Eltern liegt wunderschön an einem See. Ein klassisches rotes Schwedenhaus. Rings-um nichts außer Natur. Keine Nachbarn, keine Geschäfte, nichts.« Allen voran keine Berge. Die höchsten Hügel ringsum haben gerade einmal 200 Höhenmeter, die nächsten höheren Gipfel liegen 1.500 km weiter nördlich. »Als ich in Frankreich zum ersten Mal die Berge sah, wusste ich, das ist es.«

Vom Vollmond zu den Sonnenstrahlen

Kristin kämpft sich durch die Reha und ein halbes Jahr später, am 5. Juli, wird ihr Traum wahr. Um elf Uhr nachts fällt in Mayrhofen vor dem Europahaus der Startschuss für ihr Abenteuer »Berliner Höhenweg nonstop«. Die Wettervorhersage ist nicht gerade gut, doch an ein Verschieben denkt die Trailrunnerin nicht. »Ich wollte meine Freunde dabei haben. Wir waren insgesamt zu zehnt, da kannst du nicht so einfach einen Termin neu ansetzen.« Neben anderen Teamkollegen steht auch Lokalmatador Markus Kröll mit ihr an der Startlinie. Der Zillertaler schaffe 2012 als erster die Nonstop-Begehung des bekannten Höhenwegs. Er will Kristin den ganzen Weg hindurch begleiten, die anderen Freunde wechseln sich ab.

Der Berg aus der Reha

Es ist mitten in der Nacht. Stirnlampen und der Vollmond erhellen den Weg. Über Serpentinen und Latschenfelder geht es von Mayrhofen nach Finkenberg, hinauf zur Gamshütte und weiter zum Friesenberghaus. Damit haben sie das als »1. Etappe« bezeichnete Teilstück absol-viert. Normale Wanderer brauchen dafür an die elf, zwölf Stunden. Kristin erreicht das Friesenhaus nach fünf Stunden und 40 Minuten. Bei der Olpererhütte erhel-len erste Sonnenstrahlen die Bergwelt. Es geht hinab zum Schlegeisspeicher, wie-der hinauf zum Furtschaglhaus und von dort zum Schönbichlerhorn. Dem Berg auf dem Foto aus der Reha. »Ich habe schon ab und an gedacht, wenn wieder etwas passiert, fängt alles von vorne an. Dazu kam, dass ich mich bei den Downhill-Strecken mit meinem Knie schwer tat, aber die Stimmung war grandios und das Wetter entgegen der Vorhersagen sensationell. Bis jetzt.«

»Als der Regen kam, bin ich teilweise sogar gekrabbelt..«

Kristin Berglund, Trailrunnerin

Tausche Spanien gegen Tirol

»Am Schönbichlerhorn war ich schon öfters. Überhaupt hatte ich einige der Teilabschnitte des Berliner Höhenwegs bereits zuvor absolviert. Ich mag diese Strecken, ja den gesamten Berliner Höhenweg, da er von der Geologie her eine logische Route darstellt. So etwas fasziniert mich.« Ihre Faszination für die Berge war auch der Grund, dass sie damals in Schweden einen Tag nach der Matura in ihr Auto stieg und nach Tirol zog. »Eigentlich wollte ich nach Spanien. Malaga, die Sierra Nevada und die spanische Sprache hatten es mir angetan, doch die Arbeitssituation war dort sehr schlecht. Daher fragte ich beim AMS in Schweden nach einem Job und sie vermittelten mir eine Au-Pair-Stelle in Breitenbach.« Nie zuvor hat sie von Tirol gehört, doch sie fühlt sich mitten in den Bergen sofort wohl. Aus einem Jahr werden drei, bevor sie nach Schweden zurückkehrt, um die Ausbildung zur Physiotherapeutin zu absolvieren. Doch Tirol lässt sie nicht los und so packt sie 2010 wieder ihre Koffer. Zurück in Tirol entdeckt Kristin das Trailrunning. 2016 wird sie Mitglied des Salomon Running Teams. Längst gilt sie als eine der erfolgreichsten Trailrunnerinnen Tirols. Allein 2016 siegte Kristin Berglund beim Großglockner und beim Zugspitz Ultra Trail.

Eisiger Antrieb

Erfahrungen, die jetzt am Berliner Höhenweg hilfreich sind. Neun Stunden und 40 Minuten nach dem Start in Mayrhofen steht Kristin vor der Berliner Hütte. Eine Essensrast steht an und der Hüttenwirt hat schlechte Nachrichten. »Er sagte uns, dass es regnen wird, obwohl das für uns bei dem blauen Himmel kaum vorstellbar war.« Zuversichtlich rennen sie weiter. Greizer Hütte, Lapenscharte. Der Himmel verdunkelt sich. Es wird windig. Die Temperatur fällt. Der Regen setzt ein. »Wir dachten, es ist ein kurzer Schauer, aber es hörte nicht auf.« Der ansons-ten schon anspruchsvolle Weg wird immer rutschiger. »Ich bin teilweise sogar gekrabbelt.« Fünf Stunden heftiger Dauerregen. Der Wind zerrt an ihrer Kleidung. Die Kälte treibt sie vorwärts, vorbei an der letzten geplanten Raststation, der Karl-von-Edel-Hütte. »Niemand wollte einkehren, wir wollten nur zurück nach Mayrhofen.« 23 Stunden und 57 Minuten nach ihrem Start in Mayrhofen er- reicht sie wieder das Europahaus. Als erste Frau hat Kristin Berglund den Berliner Höhenweg nonstop unter 24 Stunden absolviert. »Ein grandioses Gefühl.«

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