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Die Natur ist kein Sportgerät

Die Bergheimat

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Die Wilde Kaiserin

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Die Natur ist kein Sportgerät

Costa Rica änderte Franz Gollers Sicht auf die Natur. Aus der Angst vor jedem nächtlichen Geräusch wird Neugierde. Und das trotz Puma, der ihm auflauerte. Ein Leben für die Natur zwischen eBikes, die zum »Erblinden« führen, bis hin zu getragenen Amphibien.
TEXT: Adriane Gamper Foto: GPHOTO / Florian Egger
Dieses Frühjahr hat Franz Goller 3.654 Amphibien über die Straße getragen, damit sie nicht überfahren werden. Ein Satz, der wohl jedes Klischee untermauert, das über Naturschützer existiert. Doch Franz ist anders, wie schon seine Überzeugung zeigt. »Schutzgebiete kann es ohne den Tourismus nicht geben. Denn, wenn sie keinen offensichtlichen Nutzen haben, werden sie nicht gefördert.« Der spätberufene Biologe ist Schutzgebietsbetreuer, kümmert sich um die Schwemm in Walchsee, den Egelsee bei Kufstein, die Mai-staller Lacke und das Kaisergebirge. Das Hauptproblem rund um den Naturschutz ist in seinen Augen, dass viele die Natur nicht mehr wahrnehmen, obwohl Wandern, Radfahren und Co boomt, Naturfotos die sozialen Medien überschwemmen, der Tourismus mit der Natur wirbt. Dieses »Nicht-sehen«, ein Phänomen, dem auch Franz erst entkommen musste. Es war ein Weg zwischen Pumas in Costa Rica, Kufsteiner Eulen und schneebedeckter Leere.

Tiroler-Depression

Costa Rica im Jahr 2013. Franz arbeitet im Rahmen seiner Bachelorarbeit für eine Forschungsstation. Nachts marschiert der Kufsteiner für seine Arbeit im Regenwald umher. »Ich war umgeben von unzähligen Geräuschen. Anfangs herrschte die Angst vor, doch bald überwog die Frage, wer hinter den Geräuschen steckt.« Selbst ein Puma, der ihm auflauert, kann seine Neugierde nicht mehr aufhalten. Bis er nach Tirol zurückkehrt. »Ich kam vom vor Leben überschäumenden Regenwald in den Tiroler Winter. Bei uns im Wald war nichts zu hören, nichts zu sehen. Es war wie eine Depression. Ich dachte nur, ich muss wieder zurück.« Doch Franz bleibt, denn mit jedem Tag sieht er mehr. »Auch bei uns ist extrem viel los, wenn du dich darauf einlässt. Es ist ein Wahnsinn, vor allem in der Nacht.« Kufsteiner Eulen öffnen ihm schließlich gänzlich die Augen.

Like gegen den Naturgenuss

»Ich habe für meine Masterarbeit die Eulen im Bezirk Kufstein erfasst. Viele sagten, die gibt es doch bei uns gar nicht. Das was ich dann erlebte, war ein Geschenk. 100 Individuen und fünf verschiedene habe ich gezählt.« Es sind aber nicht nur die Pflanzen und Tiere, die es wieder zu sehen gilt. »Da sind das U in der Landschaft, das einst der Gletscher formte, die schroffen Bergspitzen, die darauf schließen lassen, dass sie über den Gletscher empor ragten. Die Natur öffnet ein Fenster in die Vergangenheit und ist damit viel spannender als die meisten wahrnehmen.« »Mitschuld« daran ist für Franz der Geschwindigkeitsrausch. »Beruf und Freizeit werden von Schnelligkeit dominiert. Wie viele Kilometer habe ich heute geschafft? Wie schnell war ich am Ziel? Ich will nicht über E-Bikes schimpfen, aber sie unterstützen diesen Geschwindigkeitswahn.« Schnell hochradeln, ein Foto vom Gipfel schießen, ins Netz stellen und auf Likes warten. Das bestimmt für etliche den »Naturgenuss«. »Die Natur verkommt zum Sportgerät, wird nur benutzt. Um die Pflanzen und Tiere am Wegesrand zu sehen, die Natur zu erfassen, braucht man aber Zeit.«

»Wenn du anfängst zu sehen, eröffnet sich dir eine neue Welt.«

Franz Goller, Schutzgebietsbeauftragter

Urlauber aus dem Süden

»Wir Naturschützer schützen im Grunde das Wenige, das noch da ist. Auch gilt es, das zu unterstützen, was sich wieder entwickelt.« Bestes Beispiel sind für Franz Biber. »Die Menschen sehen oft nur die angenagten Bäume, hinterfragen nicht. Im Grunde erledigt der Biber Renaturierungsarbeiten, die ansonsten schnell einmal Unsummen verschlingen. Der Biber schafft neue Lebensräume, so dass sich andere Tiere wieder ansiedeln können.« So kam etwa der Eisvogel nach Tirol zurück. »Wir müssen auch unsere internationale Verantwortung erkennen, die Natur ist vernetzt, kennt keine Grenzen. Die Tiroler Braunkehlchen etwa brüten bei uns und fliegen zum Überwintern nach Afrika.« Werden hier in Tirol ihre Lebensräume zerstört, verschwinden diese Vögel auch in Afrika. Die Natur ist mehr als auf Plakaten verkauft wird, mehr als schöne Berglandschaften, wie Franz Goller betont. »Vor allem hat die Natur für sich eine Existenzberechtigung. Doch es gibt positive Entwicklungen. Durch den grenzüberschreitenden Naturschutz der EU brüten wieder einstmals heimische Vogelarten bei uns, so wie etwa der Rotmilan.«

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